|
Zur Erinnerung an ein Multitalent, das mir manchmal eine Spur zu obszön, aber immer genial war und ein großartiger Meister des heiteren und verspielten Umgangs mit der Sprache, hier wenigstens drei seiner Gedichte: Lehrmeisterin Natur Vom Efeu können wir viel lernen: er ist sehr grün und läuft spitz aus. Er rankt sich, und er ist vom Haus, an dem er wächst, schwer zu entfernen. Was uns der Efeu lehrt? Ich will es so umschreiben: Das Grünsein lehrt er uns. Das rasche Ranken. Den spitzen Auslauf und, um den Gedanken noch abzurunden: auch das Haftenbleiben. Aus: Besternte Ernte (1976) Spätsommertag (15.9.79) Nun ist der Wein bereits am Sichverfärben. Die ersten Blätter lappen leicht ins Gelbe. Die Sonne hält voll drauf. Exakt dieselbe, die erst ihr Grünen sah, sieht nun ihr Sterben. Und dennoch wäre es echt schwach zu glauben, den ganzen Terror könne man vergessen. Blattmäßig läuft nichts mehr. Gebongt. Stattdessen schwillt neues Leben, ach, zu prallen Trauben. Aus: Wörtersee (1981) Wortschwall Erst tropft es Wort für Wort. Dann eint ein Fließen Solch Tropfen in noch ziellos vagen Sätzen, Die frei mäandernd durst'ge Ganglien netzen, Aus welchen wuchernde Metaphern sprießen Und wild erblühn. Und sich verwelkend schließen, Nun Teil der Wortflut, wenn auch nur in Fetzen, Das will vermengt zur Sprachbarriere hetzen, Um sich von Satz zu Absatz zu ergießen, Bis tief ins Tal. Dort füllen Wortkaskaden Ganz ausgewaschne, sinnentleerte Becken, In welchen doch seit alters Dichter baden. Daß dies Bad sinnlos ist, kann die nicht schrecken: Ein Wortschwall reicht, um die maladen Waden Mit frischer Schreit- sprich Schreiblust zu begnaden. Aus: Weiche Ziele (1994)
18:05 - 30.6.2006
|