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WUNDER DES ALLTAGS

Ein Lehrstück nichtssagender Floskelologie

Es ist ja nichts Anrüchiges, bei einem wissenschaftlichen Wettbewerb teilzunehmen, aber dann doch in der Vorauswahl der endgültigen Teilnehmerschar ausgesiebt zu werden. Die Mitteilung aber, die ich heute erhalten habe, liest sich wie ein Lehrstück inhaltsleerer Phrasen:
Sehr geehrter Herr Lumma!
Passt scho'.
Zunächst darf ich mich bei Ihnen ganz herzlich im Namen des Direktoriums ... für Ihre Teilnahme ... bedanken. Uns ist bewusst, welche Arbeit hinter jedem Beitrag steht, und uns freut, dass Sie sich beworben haben.
Ja gut.
Da es eine ganze Reihe von Einsendungen gab, die sich ausnahmslos auf einem sehr hohen Niveau bewegten...,
Stopp. "Eine ganze Reihe" und "ausnahmslos" in einem Satz, das ist fast schon ein Pleonasmus. "Eine ganze Reihe" heißt ja, dass es im Folgenden nur um bestimmte, nicht um alle Beiträge geht. Dass diese sich dann "ausnahmslos" auf hohem Niveau bewegen, ist selbstverständlich, dass das ist ja offenbar überhaupt nur das Kriterium für die Aufnahme in "eine ganze Reihe".
...kam der Jury die Aufgabe zu, eine Auswahl von drei Texten aus einer wesentlich größeren Zahl in Frage kommender Vorträge zu treffen. Die Entscheidung ist nicht leichtgefallen und hat neben einer sorgfältigen Lektüre eine ausführliche Diskussion der Texte eingeschlossen.
Okay, das will ich mal glauben. Sicher hat die Jury ihren Job ernstgenommen.
...Über Ihren Text wurde lange und sehr anerkennend gesprochen, und ich darf Ihnen versichern, dass die Jury Ihren Beitrag in seiner besonderen Qualität ausdrücklich wertschätzte.
Achtung! "Besondere Qualität" muss nicht "hohe Qualität" heißen! Und etwas "in seiner Qualität wertschätzen", ja, das tut man ja bei allen Dingen, sowohl denen von hoher als auch denen von niedriger Qualität. Man beachte auch die feine Unterscheidung zwischen "wertschätzen" (das machen andere) und "ausdrücklich wertschätzen" (das macht die Jury). Zwischen den Zeilen ist also gerade nicht zu lesen: "Schade, Sie hätten es fast geschafft, und wurden nur unglücklicher Vierter", sondern "Dies ist ein Formbrief, den jeder Teilnehmer bekommt, und der inhaltlich, wenn man genau liest, sogar auf die Teilnehmer passt, die puren Blödsinn eingesandt haben."
Wenn die Entscheidung am Ende doch auf drei andere Beiträge fiel, sehen Sie darin bitte keinen negativen Entscheid ...
Aha. Was bitte ist es sonst, wenn nicht ein "negativer Entscheid"? Warten wir's ab...
...sondern die Notwendigkeit einer begrenzten Auswahl auf der Basis mehrerer in Frage kommender Vorträge.
Man darf somit einen "Entscheid" nicht mit einer "Notwendigkeit" verwechseln.
...Ausdrücklich darf ich Ihnen im Namen der Jury nahe legen, sich im Zuge der nächsten Ausschreibung noch einmal zu bewerben.
Auch hier die feine Unterscheidung zwischen "nahe legen" und "ausdrücklich nahe legen". Es festigt sich meine Vermutung, dass einfach jeder Teilnehmer genau dieses Schreiben erhalten hat - bis auf die drei ausgewählten natürlich, die aber in ihren Briefen sicher gebeten werden, darin keinen "positiven Entscheid" zu sehen.
Mit meinem herzlichen Dank für Ihre Bemühungen und allen guten Wünschen für Sie persönlich verbleibe ich mit freundlichen Grüßen, Univ.-Prof. Dr. N.N.
Natürlich, "persönlich".

Lieber Herr Univ.-Prof., hätte nicht ein "Sehr geehrter Herr Lumma! Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Beitrag nicht für den Wettbewerb XYZ ausgewählt wurde. Gerne ermutigen wir Sie, sich bei einer erneuten Ausschreibung wieder zu bewerben." völlig genügt?

12:23 - 16.6.2006


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Mit Liborius Olaf Lumma durch die Tiefen des Universums.
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